Berufswahl: Geld oder Erfüllung?

„Lieber reich und gesund als arm und krank“ – Dem würden Sie vermutlich zustimmen. Denn es wäre definitiv die bessere Variante als „Spaß oder Knete!“ und „Geld oder Leben!“

Nichtsdestoweniger kann es Ihnen in Ihrem langen Berufsleben immer wieder passieren, dass Sie vor der Entscheidung stehen: Sollen Sie sich einen ätzenden, langweiligen, uninteressanten Job schönbezahlen lassen? Oder wollen Sie doch lieber Ihre Lieblingstätigkeit ausüben, aber im Gegenzug halt leider nur für ein besseres Taschengeld?

 

Müssen, ohne zu wollen

Jeder kennt das Bild vom armen Poeten, von den Vertretern brotloser Künste, von idealistischen, ausgebeuteten Kranken- und Altenpflegern, von Studienfächern mit miesen Berufsaussichten. Sie sehen sich selbst in einer solchen Szene, gehören selber zu dieser Kategorie Mensch? Herzlichen Glückwunsch! (Sofern Sie ihre Wahl nie bereut haben.) Denn Sie haben damit schon mindestens einmal diesen sehr schweren Entscheidungsfindungsprozess erfolgreich hinter sich gebracht.

Sie halten diesen Weg inzwischen als Misserfolg? Sie hadern mit Ihrem Schicksal? In dem Fall: Herzliches Beileid! Denn dann wird Sie dieser Zustand auf Dauer psychisch und physisch krank machen. Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie sich erneut einer Wahl stellen.

Tun Sie es nicht, mutieren Sie besten- oder schlimmstenfalls zu einem ungenießbaren „Astloch“ (Bezeichnung von der Redaktion geändert). Genauso wie die Generation, die es einmal besser haben soll, oder die bedauernswerten Akademiker-Kasten-Sprösslinge, die ihren Eltern gehorchen müssen und gezwungen werden/sind, deren Wunsch- beziehungsweise Traditionsberufsausbildungen zu absolvieren, obwohl sie es gar nicht wollen. Oder sogar nicht können, weil ihre Talente schlicht auf völlig anderen Gebieten liegen. Es gelingt wohl nur wenigen, Rückgrat zu halten, sich nicht brechen zu lassen und/oder sich derlei Autoritäten zu entziehen. Umso rührender sind dann Geschichten von Menschen, die sich zunächst gefügt haben, aber später doch den Mut und die Kraft aufgebracht haben, buchstäblich „ihren eigenen Weg“ zu machen. Und sich damit zu befreien.
Apropos: Damit sie nicht unter die Rubrik „Erpressung“ fällt, ist eine der Grundvoraussetzungen für eine solche Wahl, dass diese aus freien Stücken gefällt werden kann. Immer und immer wieder von Neuem.

 

Manche machen ihr Hobby zum Beruf – dieses Video soll eine Motivationshilfe dafür sein:

 

Große Nachfrage birgt Schwemmengefahr

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht selbstverständlich völlig anders aus. Denn wir leben nicht mehr in Zeiten, in denen sich die Menschen für einen Beruf entschieden haben und diesen bis zum Renteneintritt oder zur Pensionierung ausüben. Womöglich noch an ein und derselben Arbeitsstelle. Heute entwickelt sich vielmehr alles so schnell, dass wir in der Lage sein müssen, notfalls sogar mehrere Male in unserer Vita die Profession oder die ausgeübten Tätigkeiten zu wechseln. Die Anforderungen unterliegen einem Wandel, wirtschaftliche Entwicklungen ebenso. Das wiederum beeinflusst die Nachfragen auf den Arbeitsmärkten.

Die Branchen, deren Vertreter von Anfang an kaum ein oder gar kein finanzielles Auskommen zu erwarten hatten, seien in diesem Moment ausgeklammert. Anderen wiederum war bescheinigt worden: „Die Gesellschaft, der Markt brauchen Euch. Die Einstiegschancen sind top, die Bezahlungen gut bis sehr gut.“

Wenige Jahre später hatten wir massenhaft arbeitslose Rechtsanwälte, fristeten zahlreiche Lehrer ein Dasein zwischen Sprung und Absprung. Germanisten – einst vielseitig und gut dotiert einsetzbar, halten sich heute als Korrektoren über Wasser – mit stetig fallenden Zeilenpreisen oder -seiten. Zugegeben, diese jämmerlichen Szenerien mögen etwas überspitzt erscheinen. Doch im Kern trifft es die Sache ganz sicher.

 

Zahltag ist nicht gleich Zahltag

Wer ebenfalls zu den Risikogruppen gehört, die öfter als der Durchschnitt vor solch einer Wahl stehen könnten, sind zum einen Frauen im Allgemeinen. Schon 2012 griff Ferdinand Knauß in einem Artikel in der WirtschaftsWoche Zahlen des Statistischen Bundesamtes zum „Gender Pay Gap“ auf. Danach nimmt der Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen mit der Steigung von Qualifikation und Alter und trotz feierlicher „Equal Pay Day“-Begehungen zu. Während er bei den unter 24-Jährigen nur 2 Prozent betrug, waren es bei den 25- bis 34-Jährigen schon elf. In der Klasse der 35- bis 44-Jährigen lag die Differenz bereits bei 24, und bei den 55- bis 64-Jährigen sogar bei 28 Prozent!

Dabei sei der Vollständigkeit halber erwähnt: Laut der jüngsten Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) sind diese Gehaltslücken in keinem europäischen Land so groß, wie in Deutschland. Wie die Journalistin Sibylle Haas am 5. März 2014 in der Süddeutschen beschreibt, liegt der OECD-Durchschnitt bei 15 Prozent.

 

Working Dad

Frauen im Besonderen sind Mütter. Erst recht, wenn sie alleinerziehend sind. Gibt es noch etwas Erpressbareres? Nun sagen Sie nicht: Alleinerziehende Väter. Denn wie wir vor ein paar Zeilen gelernt haben, liegen ihre Verdienste um 24 bis 28 Prozent höher. Damit lassen sich lässig Babysitter und im Zweifelsfall sogar Rund-um-die-Uhr-Nannys einstellen, damit Familie und Beruf vereinbart werden können.
Die Welt ist also ungerecht. Aber da das nichts wirklich Neues ist, geht es vielmehr darum, was Sie mit dieser Erkenntnis anfangen. Kennen Sie sich selbst? Wie ticken Sie? Welcher Lebensphilosophie geben Sie den Vorzug? Was macht Sie glücklicher? Wägen Sie daher gut ab, wenn Sie wieder einmal zwischen einer attraktiven Vergütung in Übel-Job und der persönlichen Erfüllung in ihrem Traumberuf wählen müssen.